This review appears in English on Frame & Focus.
Prag, März 2026 · DOX Centre for Contemporary Art
Wir kamen nach einer Nacht im Schlafwagen an. Kurze Nacht, gutes Bier im Lokál, dann die Tram nach Holešovice. Das DOX ist eines dieser Gebäude, die schon bevor man drin ist etwas wollen: roher Beton, lange Korridore, Licht das von oben fällt. Und über dem Dach schwebt Gulliver — eine Zeppelinkonstruktion aus Stahl und Holzlatten, die zum Symbol des Hauses geworden ist.

Dachterrasse mit Gulliver: DOX Centre for Contemporary Art, Holešovice. Gulliver — die Zeppelinkonstruktion aus Stahl und Holzlatten über der Dachterrasse.
Die Witkin-Ausstellung Broken World belegt mehrere Säle. 80 Fotografien und Zeichnungen aus dem Spätwerk, 2010–2025. Wir hatten keine Erwartungen. Nur Neugier.
Geboren 1939 in New York, lebt in New Mexico. Einer der eigenwilligsten Fotografen des 20. Jahrhunderts — und einer der am häufigsten missverstandenen. Wer zum ersten Mal ein Witkin-Bild sieht, denkt oft: Provokation um der Provokation willen. Leichen, körperliche Besonderheiten, religiöse Ikonografie, inszenierte Tableaus die an alte Meister erinnern.
Das ist kein Künstler der in der Dunkelheit lebt. Das ist jemand der die Dunkelheit direkt anschaut, weil er glaubt, dass Wegschauen feige ist.
Witkin entwickelt seine Negative selbst, zieht seine Abzüge selbst. Dazu kommt manuelle Bearbeitung: Kratzen in die Emulsion, Säuren, Tonen, Collagen, Enkaustik direkt auf den Abzug, manchmal Ölfarbe. Jeder Abzug ist ein Unikat.
„Every object and person in every photograph is a world to me. I process my own film and I print my own work, which I must because the final print is the final and most clear definition of what I wanted to create."
Was das bedeutet, sieht man an den Oberflächen: diese verwitterten, gekratzten, gefleckten Abzüge sehen nicht alt aus weil sie alt sind — sie wurden so gemacht. Die Zeit ist eine bewusste ästhetische Entscheidung, keine Konsequenz.
