
Lagune bei Burano. Mai 2026
Vor einer Woche habe ich auf diesem Blog über die Allianz zwischen Vatikan und Silicon Valley geschrieben, die sich rund um die Enzyklika Magnifica Humanitas abgezeichnet hat. Christopher Olah, Mitgründer von Anthropic, präsentierte sie gemeinsam mit Papst Leo XIV. auf der Synodenaula. Der Text endete mit einer Frage, die in keiner Enzyklika und in keinem Tech-Manifest gestellt wird: Was geschieht beim Menschen, der täglich mit der KI redet, und was geschieht beim Menschen, der täglich KI baut? Eine Stimme, die der Frage näherkommt, ohne sie ganz zu stellen, ist mir in den Tagen danach aufgefallen.
Charles Camosy ist Moraltheologe an der Creighton University in Omaha und seit einigen Jahren das, was er selbst einen "informellen Gesprächspartner" von Anthropic nennt. Er war bei zwei internen Konventen religiöser Wissenschaftler dabei, die das Unternehmen einberufen hat, um die ethischen Voraussetzungen seiner Modelle zu diskutieren. Vor wenigen Tagen hat er einen längeren Text veröffentlicht, in dem er für die Enzyklika Magnifica Humanitas eintritt und sie als Möglichkeit beschreibt, das KI-Wettrüsten zu verlangsamen. Mich interessiert in seinem Text weniger das Argument als eine Beobachtung, die er fast nebenbei macht.
Er beschreibt die Menschen, mit denen er bei Anthropic spricht. "Was ich gefunden habe, ist nicht Arroganz. Es ist etwas, das viel näher an Vertigo liegt: brillante, ernsthaft moralische Menschen, gefangen in einer Logik, die sie zu Ergebnissen treibt, die sie nicht wollen."
Vertigo, Schwindelgefühl. Gemeint ist die räumlich-körperliche Erfahrung, nicht die deutsche Nebenbedeutung von Täuschung oder Lüge.
Das ist eine seltene Beobachtung. Sie kommt nicht von außen, nicht von einem Kritiker, sondern von jemandem, der wöchentlich Mails aus dem Unternehmen bekommt. Camosy hat keinen Grund, die Anthropic-Leute zu verteidigen oder zu verleumden, und er tut beides nicht. Er beschreibt einen Zustand: hohe moralische Empfindlichkeit auf der einen Seite, eine Eigendynamik des Systems auf der anderen, dazwischen eine Form von Orientierungsverlust, den er Schwindel nennt.
Aus individualpsychologischer Sicht ist das eine bemerkenswerte Konfiguration. Schwindel ist kein neutrales Wort. Es bezeichnet eine Erfahrung, in der die Wahrnehmungsapparate, mit denen man sich gewöhnlich orientiert, kurzfristig nicht mehr verlässlich sind. Der Boden bleibt fest, aber er fühlt sich nicht mehr fest an. Man weiß, dass man stehen kann, aber das Stehen wird zur Anstrengung.
Wer das einmal erlebt hat, wird ein bestimmtes Verhalten kennen: Man greift nach Stützen. Man verlangsamt die Bewegungen nicht, sondern beschleunigt sie, weil die schnelle Bewegung das Schwindelgefühl überdeckt. Man redet, weil das Reden Halt gibt. Man strukturiert, weil die Struktur die Empfindung des Bodenlosen kompensiert. Das alles sind keine bewussten Strategien, sondern reaktive Bewegungen, mit denen ein Organismus eine drohende Desorientierung ausgleicht.
Camosy beschreibt diese Bewegungen nicht. Er sieht den Schwindel, aber er fragt nicht, was die Menschen, die er beobachtet, mit ihm machen. Er bietet stattdessen eine institutionelle Antwort an: Die Kirche kann helfen, weil sie eine globale, vornationalstaatliche Infrastruktur ist, die internationale Verträge unterstützen kann. Das ist nicht falsch. Aber es ist die Antwort eines Moraltheologen auf der Ebene seiner Disziplin. Die individualpsychologische Frage liegt eine Etage darunter.
Sie lautet: Was tun die ehrlichen Ingenieure mit ihrem Schwindel?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Vertigo zu bewohnen. Eine ist die Beschleunigung. Wer das Gefühl hat, eine Logik treibe ihn zu Ergebnissen, die er nicht will, kann darauf reagieren, indem er die Logik mit größerer Entschlossenheit vorantreibt. "Wir müssen das jetzt richtig machen, weil sonst andere es falsch machen." Das ist ein klassisches Argument der KI-Industrie und es ist nicht zynisch gemeint. Es ist die kompensatorische Antwort auf den Schwindel. Man bewegt sich schneller, damit die Bewegung den Boden ersetzt, den man nicht mehr spürt.
Eine zweite Möglichkeit ist die Rahmenarbeit. Wenn die Logik beunruhigt, kann man Strukturen errichten, die der Logik einen Sinn geben. Ein "Soul Doc", das definiert, an welchen ethischen Grundsätzen sich das Modell orientieren soll. Ein wöchentlicher Mailwechsel mit einem Priester. Ein Auftritt neben dem Papst. Das sind Aktivitäten, die den Schwindel nicht beseitigen, aber sie geben ihm eine Form, in der er erträglich wird. Wer die Verfassung seines KI-Modells mit theologischer Beratung schreibt, hat eine Erzählung über das, was er tut, und die Erzählung trägt, solange er sich an ihr festhält.
Eine dritte Möglichkeit ist die Sprachübernahme. Wer in einer Logik gefangen ist, die er nicht steuert, kann das Vokabular dieser Logik übernehmen und zu seinem eigenen machen. Olah, der sich selbst als Atheist beschreibt, sagt über das Modell, an dem er arbeitet, es sei "eine denkende, fühlende Entität, die moralische Formung braucht". Das ist die Sprache, in der das System sich selbst beschreibt, übernommen von dem, der das System baut. Es ist kein Zynismus und kein Marketing. Es ist die Sprache, die zur Verfügung steht, wenn der eigene Boden zu schwanken beginnt.
Die individualpsychologische Frage berührt keine dieser Bewegungen einzeln. Sie fragt, was die ehrlichen Ingenieure mit ihrer privaten Logik gerade machen. Welches Bild von sich, welches Bild von ihrer Aufgabe, welches Bild von ihrer Wirkung sich gerade festsetzt, während sie kompensieren. Adler hätte gesagt: In jeder Bewegung, mit der ein Mensch eine drohende Desorientierung ausgleicht, drückt sich seine Lebensgestalt aus. Die Bewegungen sind nicht beliebig. Sie sagen etwas über den, der sich bewegt.
Camosy sieht den Schwindel. Er sagt nicht, was die Menschen mit ihm machen. Das ist nicht sein Fehler, das ist nicht seine Disziplin. Aber genau dort, wo seine Beobachtung endet, beginnt die Arbeit, die ich beschreibe.
Wenn die Anthropic-Mitarbeiter "moralische, brillante Menschen sind, gefangen in einer Logik, die sie zu Ergebnissen treibt, die sie nicht wollen", dann sind sie aus individualpsychologischer Sicht keine Patienten und keine Schuldigen. Sie sind Menschen in einer Situation, in der ihre üblichen Wahrnehmungsapparate nicht mehr verlässlich greifen. Was sie dabei aus sich machen, wie sie sich in dieser Situation verorten, welche Geschichte sie über sich erzählen, während sie weiterarbeiten – das ist nicht durch eine Enzyklika zu klären. Es wird in keiner internationalen Vereinbarung berücksichtigt. Es ist die individuelle, schwer fassbare, sehr menschliche Frage, was ein Einzelner mit der Erfahrung tut, die er nicht teilen kann.
Diese Frage zu stellen ist nicht Diagnose. Es ist eine Form von Aufmerksamkeit, die das, was Camosy gesehen hat, ernster nimmt, als er es selbst tut. Schwindel, sagt eine alte Vorstellung, ist ein Hinweis. Er zeigt an, dass etwas Wichtiges nicht stimmt. Wer ihn nur als Symptom behandelt, das man durch Aktivität überdecken kann, riskiert, dass die Empfindung des Bodenlosen sich verfestigt. Wer die ehrlichen Ingenieure ernst nimmt, fragt deshalb nicht nur, was sie tun. Er fragt, wer sie dabei werden.