Ambiguphobie und der gastliche Geist

Eine Notiz darüber, wie einem das richtige Wort in einem italienischen Kriminalroman zuläuft.

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Ich stieß auf das Wort in einem Krimi. Gianrico Carofiglio, der italienische Schriftsteller, der früher Antimafia-Staatsanwalt war, beschreibt eine Figur namens Lorenza:

„Jahre später bin ich auf einen perfekten, von David Foster Wallace stammenden Ausdruck für diese Haltung gestoßen, die anderen Sichtweisen und Standpunkten nur schwer einen Platz einzuräumen vermag: Ambiguphobie. Lorenza war das Paradebeispiel eines ambiguphoben Menschen."

Ich legte das Buch aus der Hand.

Nicht, weil das Wort neu gewesen wäre — ambiguitas und phobos sind beide uralt — sondern weil eine Reihe halb ausgeformter Beobachtungen in diesem Moment plötzlich einen Namen hatten. Menschen, mit denen ich gearbeitet hatte. Besprechungen, die ich über mich hatte ergehen lassen. Gespräche, die aus Gründen schiefgelaufen waren, die ich nie ganz hatte fassen können. Nicht Intoleranz im moralischen Sinn. Nicht Furcht vor logischem Widerspruch. Etwas Genaueres und Näherliegendes: die Unfähigkeit, auszuhalten, dass ein Sachverhalt zugleich mehrere gültige Deutungen zulassen könnte.

Das Wort gab mir keinen neuen Gedanken. Es gab Gedanken, um die ich seit Jahren kreiste, einen Namen.


Ein Romancier, der nachts Philosophie liest

Dass das Wort in einem von Carofiglios Romanen auftaucht, ist kein Zufall. Carofiglio ist aus mehreren Gründen lesenswert. Seine Guerrieri-Romane — juristische Krimis, deren Protagonist als Strafverteidiger in Bari arbeitet — haben eine eigentümliche Ruhe. Es sind Kriminalromane, aber das eigentliche Drama spielt sich im Gerichtssaal und im Kopf des Erzählers ab. Das Buch, aus dem das Zitat oben stammt, ist La misura del tempo (2019, deutsch Zeit der Schuld, Goldmann 2020). Die italienische Kritik hat es einen conte philosophique im Gewand eines Thrillers genannt, und das trifft zu. Der Roman kreist um die Pluralität möglicher Geschichten, die Unverlässlichkeit der Erinnerung, die Schwierigkeit, eine Wahrheit von der anderen zu unterscheiden und beide gleichzeitig stehen zu lassen.

Neben seinen Romanen hat Carofiglio einen kurzen, präzisen Essay geschrieben: La manomissione delle parole — über die Beschädigung von Sprache in der Politik und darüber, wie wir sie reparieren könnten. Für ihn ist die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu tragen, nicht literarische Zierde, sondern eine zivilisatorische Kompetenz. Das Gericht ist sein Laboratorium für die Frage: Wann dient Eindeutigkeit der Gerechtigkeit, und wann verhindert sie sie? Ein Anwalt, der zwei mögliche Lesarten derselben Beweislage nicht gleichzeitig tragen kann, ist kein sorgfältiger Anwalt. Er ist ein gefährlicher.

Kein Wunder also, dass er philosophische Begriffe in seine Romane streut. Das Wort Ambiguphobie tritt bei ihm nicht als Verzierung auf. Es tritt als Diagnose auf.


Die einfachen Antworten, die nicht tragen

Man könnte meinen, das naheliegende Gegenwort sei Toleranz. Aber Toleranz ist ein zu müdes Wort, und es hat die falsche Architektur. Es beschreibt, was ich bereit bin zu ertragen. Es hält den Tolerierenden im Zentrum und fragt, wieviel er aushält, bevor er reagiert. Der andere bleibt Gast auf Bewährung.

Ambiguitätstoleranz, das Konstrukt, das Else Frenkel-Brunswik in den 1940er Jahren bei ihren Messungen autoritärer Persönlichkeitsstruktur eingeführt hat, ist historisch wichtig, bleibt aber auf der Ebene individueller kognitiver Belastbarkeit. Sie sagt nichts darüber, was zwischen Menschen geschieht, wenn einer von ihnen der Weltsicht des anderen Raum gibt.

Keats kam näher, glaube ich, in einem Brief an seine Brüder kurz vor Weihnachten 1817. Er nannte es negative capability: die Fähigkeit, in Ungewissheiten, Geheimnissen und Zweifeln zu verweilen, ohne ungeduldig nach Fakten und Gründen zu greifen. Das ist schön, und es ist mehr als Toleranz. Aber es ist ästhetisch, kontemplativ, einsam. Der Dichter allein mit der mehrdeutigen Welt.

Ich wollte etwas Relationales. Etwas, das nicht nur einen inneren Zustand benennt, sondern eine Weise, mit einem anderen Menschen zu sein. Etwas, das versteht, dass einer anderen Sichtweise Raum zu geben keine private Tugend ist, sondern eine soziale Handlung — eine Handlung, die etwas kostet, die scheitern kann und die ein ethisches Gewicht trägt.